Kartonmodellbau
Kartonmodellbau – gibt's das noch? Diese Fummelei mit Schere, Uhu und Messer, das Falten von unzähligen Teilen zu einem Gesamten, einer Burg, einem Flugzeug, einem Schiff und noch vieles mehr? Sicher doch! Und die Szene wird nach einer gewissen Flaute wieder lebendig und produziert Modelle von besonderer Vielfalt und Schönheit. Wer den Namen Schreiber schon einmal gehört hat, wird sich an zahlreiche Modelle erinnern, die man vielleicht selbst einmal vor langer Zeit gebaut hat (und die den dritten Umzug oder die Attacken der Geschwister dann doch nicht unbeschadet überstanden haben…).
Da ich seit vielen Jahren gerne Architektur-Modelle baue, vornehmlich Burgen, Schlösser und Kirchen, möchte ich diese Rubrik dem Kartonmodellbau widmen. Hier gibt es Tipps, Tricks und einige Links zu Verlagen und Modellen.
Auch wenn der Kartonmodellbau viele Jahre vernachlässigt wurde, so kommt er in den letzten Jahren mit neuen Ideen und Drucktechniken wieder verstärkt zurück. Der Kartonmodellbau ist immerhin sehr viel älter als der Plastikmodellbau und in manchen Ländern verbreiteter. Einsteiger haben hier eine Sparte, die mit wenigen Werkzeugen (Schere, Messer oder Skalpell und Lineal) auskommt. Die Bausätze sind bereits bedruckt und »gealtert«, dadurch entfällt die Lackierarbeit wie sonst bei Plastikmodellen. Einfache Architekturmodelle, die auf Grundformen wie Quader oder Pyramiden basieren, etwa kleine Burgen, versprechen dem Einsteiger erste Erfolge, während sich der Experte an den detailreichen Bauten erfreut, die etwa mit 400 Dachgauben aufwarten (so wie beim Modell El Escorial) oder komplizierte Bauabläufe erfordern.
Der Reiz bei vielen Architekturmodellen liegt einerseits wohl darin begründet, berühmte Sehenswürdigkeiten detailreich nachbauen zu können, die man vielleicht schon selbst einmal besucht hat, andererseits wohl auf lange Sicht nicht selbst besuchen kann, wenn sie weit entfernt sind. Zudem sind sie, trotz der Schwierigkeitsstufen, relativ einfach zu bauen. Es kommen aufgrund des Maßstabes nur wenige Detailbauten (wie Fahnen, Verzierungen etc.) vor, die man schwierig ausgestalten muss. Der Rest an Baukörpern ist meist mit wenig Übung leicht zu bauen. Diesen Anreiz findet man bei vielen Burgen-, Schlösser- und Kirchenmodellen wieder.
Der Kartonmodellbau floriert und entwickelt sich: er sticht nicht nur mit zahlreichen Neuerscheinungen hervor, sondern auch mit der Qualität mancher Arbeit der legendären 60er Jahre. Der Stillstand der 1970er Jahre ist bewältigt. Doch Kartonbögen zum Ausschneiden sind mehr als schöne Nostalgie. Auch wenn die Monographie des Kartonmodells noch zu schreiben ist, begonnen haben soll die Geschichte bereits im 16. Jahrhundert. Reinhard der Ältere, Graf zu Solms-Lich, veröffentlichte 1544 ein Werk über die Kriegskunst. Holzschnitte, die sich herausnehmen und zu kleinen Zelten zusammensetzen ließen und mit denen der Auf- und Abbau eines Lagers en miniature geübt werden konnte, begleiteten das Werk. Ein Buch mit dem Titel »Anweisung zum Modelliren aus Papier« erschien 1802 in Weimar, dass sich mit Anleitungen zum Konstruieren und Bauen befasst. Papiermodelle im Unterricht, bei der beispielsweise geometrische Körper gebaut wurden, kannte man in der Goethe-Zeit. Erst in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kam die Sache mit den Modellierbögen richtig in Schwung, als vor allem Kartonmodelle von Gebäuden zum ersten Mal in Mengen gedruckt wurden.
In Wissembourg (Elsass), Epinal (F) und im brandenburgischen Neuruppin entstanden Zentren dieser Fabrikation. Der älteste heute noch auf diesem Feld tätige Verlag J. F. Schreiber in Esslingen begann 1878 mit der Produktion von Bilder- und Modellierbögen, nachdem man vom Stuttgarter Fabrikanten Emil Roth den Grundstock für diese Herstellung erworben hatte. Neben Bögen zum »Modellieren«, dem plastischen Nachformen etwa von Stuttgarter Gebäuden, fanden sich im ersten Sortiment auch Bögen mit sogenannten »Ankleidepuppen«, die mit verschiedenen Kostümen behängt werden konnten, die man zuvor ausschneiden musste. In der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. prägte der 1916 in Halle/S. geborene Hubert Siegmund fast 30 Jahre lang den Verlag und entwarf stilprägend fast 500 Modelle aller Stilarten, die einfach zu bauen und trotzdem anspruchsvoll sind. Heute führt der bekannte Verlag unzählige Modelle aller Richtungen.
Die beiden alten Bezeichnungen Modellierbogen und Konstruktionsbogen – bis in die erste Hälfte dieses Jahrhunderts verwendet – beschreiben präzise, dass es nicht nur um das Zerschneiden von Papier geht, sondern um den Aufbau dreidimensionaler Modelle mit den so hergestellten Teilen. Überaus ungenau, aber sehr populär ist der Ausdruck Bastelbogen, doch in Bezug auf die Leistungen versierter Modellbauer ist der Ausdruck eine Anmaßung, vielleicht eine Gedankenlosigkeit. Der treffendste Ausdruck für Architekturmodelle ist zweifellos Modellbaubogen: er drückt in neutraler Form das herzustellende Objekt (Modell), den erforderlichen Arbeitsvorgang (Bau) und die tatsächlich vorliegende Materialform (Bogen) aus.
Großformatige Kartonbögen mit einem Gewicht von etwa 170 Gramm je Quadratmeter, auf denen vorzugsweise technische Dinge »abgerollt« (also in zweidimensional flache Bauteile zerlegt) werden und bunt bedruckt sind, haben ihre besondere Ästhetik. Gerade im noch nicht gebauten Zustand ähnelt ihr Zauber dem, wie er von so genannten Explosionszeichnungen ausgeht. Auch das Bauen selbst, das Aufrichten des plastischen Gegenstandes aus der Fläche des Papiers, hat seinen ganz speziellen Reiz. Beim Architekturmodell genauso wie bei Schiff oder Flugzeug gerät die Detailtreue des Kartonmodells an gewisse Grenzen, während beim Plastikmodell Winzigkeiten noch erhaben ausgeformt werden. Auf dem Karton wird dann aus zwei Gründen schon gezeichnet: Zum einen soll das Modell »baubar« bleiben, nicht nur für die ganz geschickten Spezialisten, und außerdem gehören samt Schattenrand aufgemalte Simse oder Fensterscheiben mit gezeichneten Spiegelungen nun einmal zum Architekturmodell dazu.
Die Sicherheit des Bauerfolgs ist eine Hauptanforderung, die an den Konstrukteur gestellt wird. Die eigentlichen Schöpfer der Bögen bleiben eher im Hintergrund. Das Konstruieren wird zwar mit professionellem Ernst, aber nicht um des materiellen Gewinns willen betrieben und ist zumeist eine Nebentätigkeit von Architekten oder technischen Illustratoren, also typische Hauptberufe von Menschen, die gut technisch zeichnen können. Diese Arbeit ist langwierig: vor allem das Beschaffen von Unterlagen gestaltet sich teilweise schwierig, zumeist bei Burgen. Das Zeichnen ist auch nicht mehr die reine Handarbeit mit Transparentpapier und Folie – wiederholte Reinzeichnungen nach probeweisen Zusammenbau erfordern geringfügige Korrekturen, die der PC inzwischen abnimmt. Arbeitete etwa Hubert Siegmund noch auf Astralon und kolorierte auf verzugsfreiem Korrektostat-Karton, so werden heute manche Teile nur einmal gezeichnet und dann flink kopiert. Konstrukteure wie Przemyslaw Tabernacki oder Peter Gierhardt gestalten Fassaden zudem mit Ortho-Fotos vom Original, was den Modellen eine gewisse Originaltreue verleiht (jeoch auch den Reiz der Handzeichnungen und -Kolorationen wie bei Siegmund-Modellen vermissen lässt). Aber eins geschieht fast immer noch »mit der Hand«: die Nummerierung der Einzelteile und die Anordnung auf dem Bogen – das Auge baut schließlich mit…
Interessierte sollten zuallererst ein einfaches Modell mit Grundformen wie Rechtecken oder Pyramiden bauen. Auch wenn einige Bauten als »Kindermodelle« betitelt werden, sollte man nicht aus falschem Stolz mit einem mehrbogigen Schloss anfangen, bei dem Misserfolge die Lust auf den Kartonmodellbau schon zu Anfang trüben – schließlich hat man ja auch erst Laufen gelernt und dann Autofahren… Die Lust auf Mehr kommt mit jedem erfolgreich fertiggestellten Modell.




