Steine voller Geschichte
27.07.2011 ·
0
Fast jedes Jahr fahren wir als Familie in einen Städteurlaub, bei dem man eine Woche lang eine deutsche Stadt und deren Umgebung erkundet. Dabei quartieren wir uns in einer lokalen Jugendherberge ein. Nach Berlin, Dresden und München fiel die Wahl diesmal auf Trier, nicht nur wegen Vincents Lateinunterricht in der 7. Klasse, sondern weil die Stadt auch lebendige Geschichte aus der Römerzeit verspricht. Luxemburg soll sich anschließen.
An einem Samstag fahren wir los und machen kurzen Halt bei Schloss Bürresheim nahe Mayen (Koblenz). Die kleine Schwester von Burg Eltz liegt romantisch verborgen abseits jeder Hektik und bietet heimelige interessante Architektur. Sie war auch mal Kulisse im »Indiana Jones« Teil 3. Später kommen wir in Trier an und beziehen die moderne Jugendherberge. Leider liegt sie topographisch ungünstig an einer vierspurigen Ausfallstraße, was besonders nachts noch für unangenehmen Lärm sorgt. Wir spazieren zuerst mal in die Stadt und sehen zum ersten Mal die Porta Nigra. Das uralte Stadttor ist in der Tat schon 2000 Jahre alt und man sieht ihr die vielen Narben aus der langen Geschichte an. Später kommen wir am Dom an, der noch offen ist und schlendern durch das imposante Kirchengebäude. Hier mischen sich so ziemlich alle Baustile, angefangen von der Romanik über Gotik bis zum Barock. Die Außenfassade zeigt auch hier zahlreiche Um- und Anbauten und wuchert mit einem verschachtelten Baukörper, wo sich aus der einst römischen Anlage nach und nach eine romanische Kirche entwickelte. Zu etwas später Zeit sind schon nicht mehr so viele Menschen im Dom und man hat prima Einblicke und Ruhe. Der nebenan liegende Kreuzgang der Liebfrauenkirche wird durchwandert und hier erfahre ich auch zum ersten Mal etwas über den Heiligen Rock, der 2012 zu einer Wallfahrt nach Trier wieder ausgestellt werden wird. Vor dem Dom schreibt einsam und geduldig ein Roboterarm mit einer Feder auf einer langen Papierrolle mit Zierschrift an der kompletten Bibel. Was früher Mönche in jahrelanger Kleinstarbeit ausführten, macht die Rechenprothese nicht weniger kunstvoll und geduldig.
In der ersten Nacht der Jugendherberge werden wir nicht nur durch den Straßenlärm genervt, sondern ebenso durch renitente Jugendliche, die meinen, die Nacht zum Tage machen zu müssen. Erst nach heftigem Protest gibt es um 2.30 Uhr Ruhe. Die Betreuer gehen aber auch recht sanft mit ihren pubertierenden Wilden um und fragen in die Zimmer, »warum ihr noch nicht im Bettchen seid« und ob »Du mit dem Käppi denn überhaupt schlafen kannst«. Na, das kann ja lustig werden, wenn alle Nächte so verlaufen. Die Wände sind aus Karton und selbst mit Ohropax glaubt man, dass man auf einer Bowlingbahn campiert.
Nach nur wenig Schlaf nehmen wir am Sonntag an einer Führung teil. Der eloquente Stadtführer hat viele Anekdoten parat und erzählt uns viele wissenswerte Dinge. Die Basilika zum Beispiel ist wieder ein Muster an römischem Prunk und Großherrlichkeit. Der Empfangssaal von Kaiser Konstantin ist heute eine nüchterne große evangelische Kirche. In den Kaiserthermen werden wir durch die unterirdischen Gänge geleitet, in denen früher die Bediensteten herumwuselten und Feuer für die Beheizung herrichteten. Man sieht manchmal so gut wie kein Tageslicht. Die an der Hauptecke noch stehengebliebenen Rundmauern finde ich dabei am imposantesten. Dass auch diese große Anlage einer Badeanstalt all die Jahrtausende überdauert hat, ist für meine Kinder eher Nebensache, für mich aber atmet hier jeder Stein, jede Narbe im Gemäuer Geschichte. Ich schaue mir die architektonischen Gegebenheiten und Eigenarten immer genauer an, weswegen sich eine Besichtigung mit mir auch schon mal etwas hinziehen kann. Und Trier hat an fast jeder Ecke irgendetwas Geschichtliches zu bieten.
Abends sitzen wir meistens auf der Terrasse der Jugendherberge und ich schreibe an einem Artikel über den Modellbaukonstrukteur Peter Gierhardt, während die Familie Karten spielt. Die Nächte werden peu á peu ruhiger, was vielleicht auch daran liegen kann, dass die Schüler nun etwas jünger sind und darum schon ab 22.30 Uhr recht gute Ruhe herrscht. Trotzdem ist ein reges Kommen und Gehen in der Herberge. Allerdings verläuft die Woche dann doch noch recht ruhig, auch den Straßenlärm nehmen wir jetzt nicht mehr so wahr.
Am Dienstag erklettern wir die Porta Nigra, die auch mal zu einer Kirche umgebaut wurde und schauen uns noch mal den Dom mit seinem Domschatz an. Den Heiligen Rock bekommen wir aber auch hier nicht richtig zu sehen. Unter großem Schnaufen erklimmen wir den Petriberg und haben eine grandiose Aussicht über die ganze Stadt. Am Nachmittag schauen wir uns »Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2« an. Dieser Film zehrt wirklich an den Nerven und für mich kurios: ich habe bei allen Teilen vielen wichtigen Figuren keine Träne nachgeweint, als diese das Zeitliche segneten. J. K. Rowling meinte, man müsste bei Sirius‘ Tod weinen – damals keine Spur bei mir. Als aber jetzt Severus Snape von Voldemort gemeuchelt wird und die Schlange Nagini ihr ekliges (wenn auch nicht gezeigtes) Festmahl hat, heule ich zum Gotterbarmen. Und beim Stein der Auferstehung zeigen sich noch einmal Harry Potters Verwandte und Freunde, wieder geht mir das an die Substanz. Ich bemühe mich, nicht ganz so laut zu schniefen, werde aber trotzdem später »bemerkt«. Ein würdiger, großer Abschluss der Potter-Filme. Ich wette, dass ich zuhause auf DVD noch einmal so heftig reagieren werde – ich bin ein sentimentaler Trottel, zu nah am Wasser gebaut…
Eine Radtour führt uns nach Longuich nördlich von Trier an die Mosel. Da der Autoverkehr vom Norden her mit der Autobahn nach Trier herangeführt wird, radeln wir eine lange Zeit an heftigem Straßenverkehr entlang. In Longuich schauen wir uns eine römische Villa an und radeln dann durch den Ort. Die Alte Burg ist heute ein Weingut, aber zu einer Weinprobe können wir uns auch heute noch nicht hinreißen. An der etwas ruhigeren Moselseite fahren wir wieder zurück. Nach knapp 30 km tut uns der Hintern weh – wir, die großen Radfahrer…
Einen Tag verbringen wir in Luxemburg. Ich habe mich vorher genauestens informiert und da sich meine Familie immer darauf verlässt, was es irgendwo zu sehen gibt, laufe ich voran. Zuerst sehen wir den herzoglichen Palast, laufen dann zum Rathaus und zur Notre Dame, ehe wir bei der Goldenen Frau tief in den Park der Petruß blicken. Gewaltige Mauern und Kasematten, saftiges Grün, Brücken und Viadukte und tolle Aussichten bieten sich hier. Wir steigen in das Tal und laufen etwas entlang der Mauern. Dann geht es etwas bergauf und wir schauen in den Stadtteil Grund. Durch eine Gasse bergab erreichen wir diesen heimeligen Teil von Luxemburg. Am Kloster wachsen an einem Hanggarten Gemüse und Pflanzen mitten in einer Hauptstadt. Weiter rechts sieht man erneut die Bock-Kasematten, Felsen so löchrig wie ein Schweizer Käse und die Eisenbahn-Viadukte. Als wir aus Grund wieder die Stadtoberfläche erklommen haben, kommt es mir vor, als schauten wir in eine Modell-Landschaft: man sieht Häuser und Paläste als gesamtes Ganzes in der Ferne und über den Viadukt fährt eine kleine Eisenbahn. Tolle Aussichten bieten sich vom Mauerweg »Corniche« in den Stadtteil Grund hinein. Schon sind wir wieder in der City und flanieren entlang der Einkaufsstraßen, die aber keine Läden für uns zum Kaufen bieten. Dafür fotografieren wir Henri unter dem Straßenschild »Boulevard Prince Henri« und bezahlen zum Schluss eine Unsumme für das Parkhaus. Wir fahren noch etwas durch die Stadt und ohnehin über das monströse, elend lange Hochhausviertel auf dem Kirchberg zurück in Richtung Trier.
Da der Nachmittag noch etwas Zeit bietet, fahren wir nach Bernkastel-Kues an die Mosel. Das kleine Fachwerk-Örtchen ist komplett überlaufen, aber immerhin kaufen wir bei einer Weinprobe endlich den Wein, der uns schmeckt und den wir auch mit nach Hause nehmen wollen. Die Rückfahrt entlang der Mosel zieht sich etwas. Ohnehin ist es schade, dass es hier im Gegensatz zum Rheintal weitaus weniger Burgen zu sehen gibt. Cochem mit seiner Reichsburg ist noch zu weit entfernt, Vianden in Luxemburg wäre auch zu weit weg gewesen, so bleiben meiner Familie bis auf Schloss Bürresheim weitere Burgenbesichtigungen erspart.
Am Freitag geht es Regine schlecht und somit fahre ich mit den Jungs alleine nach Saarburg südlich von Trier, wo eine Sommerrodelbahn lockt. Mit zwei Zehnerkarten bewaffnet versuchen wir nach und nach, den Geschwindigkeitsrekord nach einer Kurve zu brechen, weil man dort gemessen wird. Ein 30er-Schild soll eigentlich zum Langsamfahren mahnen, aber zu guter Letzt habe ich 34 km/h auf dem Messgerät stehen. Henri fährt todesmutig fast hinten auf. Was für eine Gaudi, aber leider auch mit so wenigen Fahrten zu dritt gefühlt zu schnell vorbei. Wir schauen uns noch etwas in Saarburg um und fahren nach Trier zurück. Abends steht noch eine Erlebnisführung auf dem Plan, die Regine aber wieder sausen lässt. Mit den Jungs werde ich durch das Amphitheater geführt, wo ein Schauspieler den Gladiator »Valerius« imposant Leben einhaucht. Er erzählt von den blutrünstigen Schauspielen in dem Theaterrund und unten in den Katakomben, hechtet die Hänge entlang, steht zehn Meter hoch auf einer einsamen Mauer, droht beinahe herunter zu fallen und treibt das Publikum mit seinem markanten Ruf »Kommen Sie!« (oder »Venite!«) zu immer neuen Punkten in der Arena. Nach eineinhalb Stunden ist dieser Kampf auch geschlagen und Thom Nowotny alias »Valerius« bekommt großen Applaus.
Trotz neuer Schulklassen ist die letzte Nacht normal ruhig, so dass genügend Schlaf bleibt und wir nach einer Woche Trier Richtung Siegen verlassen. In dieser Stadt ist so viel Geschichte auf uns eingeprasselt, das muss erst mal alles verdaut werden. Doch alleine so gewaltige und alte Bauten wie der Dom und die Porta Nigra lassen einen die Augen übergehen und man entdeckt immer wieder etwas Neues. Für Architektur-Liebhaber ist Trier wirklich eine große Spielwiese. Stellt sich nur die Frage: wohin reisen wir als Nächstes? In einer Jugendherberge, so viel allerdings ist schon klar, werden wir wohl nicht mehr kampieren. Irgendwie geht uns das hektische Treiben dann doch zu sehr unterschwellig auf die Nerven.

Leser-Kommentare